Von der ersten Wirkung bis zum Blitzerfoto – Warum MPU-Vorbereitung mehr als Abstinenz ist

Die folgende Geschichte ist fiktiv, aber sie spiegelt typische Dynamiken wider, die ich in meiner therapeutischen Arbeit immer wieder erlebe.

Tim war 19, als der erste Schluck richtig wirkte. Die Anspannung fiel ab, die Schüchternheit wich, er fühlte sich endlich locker und zugehörig. Sein Gehirn lernte etwas Simples: Alkohol = Belohnung. Was in Tims Kopf passierte, passiert bei jedem Menschen – Dopamin wird ausgeschüttet, das Belohnungssystem springt an. Aber Tim begann unbewusst zu verknüpfen: Wenn ich mich unwohl fühle, hilft Alkohol.

Einige Monate später, nach einem heftigen Streit mit seiner Freundin, trank Tim mehr als sonst. Die Wut, die Verletzung – alles verschwand. Nicht wirklich, aber es fühlte sich so an. Die Probleme gingen weg. Tim wollte dieses Gefühl öfter haben. Nach stressigen Arbeitstagen, nach Konflikten, bei Einsamkeit wurde der Alkohol seine Lösung. Sein Körper brauchte mehr für denselben Effekt, sein Freundeskreis veränderte sich, seine Beziehung litt.

Mit 24 merkte Tim, dass etwas nicht stimmte. Er trank mittlerweile fast täglich. Morgens fühlte er Scham, versprach sich aufzuhören. Abends trank er trotzdem. Ein Teil von ihm wusste: Das ist nicht okay. Ein anderer Teil übernahm immer wieder die Kontrolle: Nur heute noch, morgen höre ich auf. Der Psychodramatherapeut Reinhard T. Krüger nennt das die Ich-Spaltung – das „gesunde Ich“ gegen das „süchtige Ich“.

Tim vermauerte das Gefühl mit Schuld und Scham. Er redete mit niemandem darüber. Seine Freundin merkte es, schwieg aber auch. Sie übernahm Verantwortung für ihn, deckte ihn, hoffte er würde von selbst aufhören. Ohne Alkohol bekam Tim Zittern, Schwitzen, Schlafstörungen. Sein Körper war abhängig geworden.

Mit 27 brach alles zusammen: Tim fuhr betrunken, hatte einen Unfall. Niemand wurde verletzt, aber er hatte 1,8 Promille. Führerschein weg, Strafverfahren, MPU angeordnet. Es gab keine Trennung mehr zwischen Person und Konsum – der Alkohol war sein Leben geworden.

Veränderung ist kein Schalter, sondern ein Prozess

Der Unfall und die MPU-Anordnung waren ein Wendepunkt. Aber bedeutete das automatisch, dass Tim bereit war, sich zu verändern? Die Psychologen James Prochaska und Carlo DiClemente haben in jahrzehntelanger Forschung gezeigt: Veränderung ist kein Schalter, den man umlegt, sondern ein Prozess über mehrere Stufen. Ihr „Transtheoretisches Modell“ beschreibt fünf Stadien – und Tim durchlief sie alle.

In den ersten Wochen war Tim vor allem wütend auf die Polizei, das System, den Richter. „Ich bin doch nicht süchtig, das war ein Ausrutscher. Andere trinken auch und fahren.“ Die Forscher nennen das „Sorglosigkeit“ – kein Problembewusstsein, keine Änderungsabsicht. Er trank heimlich weiter, seine Freundin tröstete ihn und übernahm noch mehr Verantwortung. In diesem Stadium wäre jede MPU-Vorbereitung sinnlos gewesen.

Drei Monate später begann Tim zu zweifeln. Ohne Auto isoliert, die Freundin genervt, der Chef stellte Fragen. Er wog ab: Entspannung und Stressabbau gegen Führerschein weg, Jobprobleme, Scham. Die Phase der „Bewusstwerdung“ – Ambivalenz, in der man Vor- und Nachteile abwägt. Tim war monatelang gefangen. Er recherchierte über MPU, informierte sich – tat aber nichts. Der Druck wurde größer: Ultimatum der Freundin, Kündigungsdrohung vom Arbeitgeber.

Nach einem heftigen Streit traf Tim eine Entscheidung: „Ich mache die MPU. Ich muss meinen Führerschein zurück.“ Er googelte Beratungsstellen, vereinbarte Termine für Abstinenznachweise, reduzierte den Konsum. Die „Vorbereitung“ hatte begonnen. Aber – entscheidend – Tim wollte den Führerschein zurück, nicht sein Leben ändern. Seine Motivation war äußerlich, nicht innerlich. Ein MPU-Berater sagte: „Lernen Sie die Antworten auswendig. Zeigen Sie Reue.“ Tim fühlte sich erleichtert: Ich muss nur die richtigen Sätze sagen.

Sechs Monate Abstinenz. Nachweise gesammelt. MPU-Termin gebucht. Die Phase der „Handlung“ – aber scheinbar. Tim hatte sein Verhalten geändert, nicht die zugrunde liegenden Muster. Er rauchte jetzt täglich Cannabis, trainierte exzessiv, arbeitete 60 Stunden pro Woche. Die Suchtdynamik war nur verschoben – Substitution. Nach Krüger war das „süchtige Ich“ nur getarnt, nicht integriert.

Die Forschung zeigt: Dieses Stadium ist kritisch – hoher Energieaufwand, hohe Rückfallgefährdung. Tim hatte nur oberflächliche Veränderungsprozesse genutzt: Alkohol entfernt, Sport als Ersatz. Aber er hatte nicht verstanden, warum er trank, wie er sich als Person sieht, wie sein Trinken andere beeinflusste. Hier hätte die Motivierende Gesprächsführung nach Miller und Rollnick ansetzen können – ein Ansatz ohne Druck, der die Ambivalenz würdigt und innere Motivation stärkt. Statt „Sie müssen aufhören“ die Frage: „Was würde sich für Sie ändern?“

Ich warnte Tim: „So kommen Sie nicht durch. Sie haben den Alkohol weggelassen, aber nichts verstanden.“ Tim war verletzt. „Ich bin doch clean!“ Das ist der Unterschied zwischen trocken und nüchtern. Trocken: kein Alkohol. Nüchtern: verstanden, warum ich getrunken habe. Tim hatte keine innere Verpflichtung entwickelt – nur äußeren Druck gespürt. Er brach die Beratung ab.

Drei Monate später, noch in der Sperrfrist, fuhr Tim heimlich Auto. „Nur kurz zum Baumarkt. Wird schon keiner merken.“ Geblitzt. Der „Rückfall“ – nicht in Alkohol, sondern in alte Verhaltensmuster: Risikobereitschaft, Kontrollillusion, Regelbruch. Der Stress war hoch, alte Muster wurden aktiviert. Das „süchtige Ich“ hatte die Kontrolle übernommen. Tim hatte nie gelernt, schwierige Situationen anders zu bewältigen. Seine Freundin hatte ihn fahren sehen, nichts gesagt. Die alten Muster waren noch da – bei beiden.

Der Blitzer war ein zweiter Wendepunkt. Diesmal erkannte Tim: Ich habe ein Problem, und es ist nicht der Führerschein.

Was echte Veränderung ausmacht

Die Forschung zeigt klar: Nachhaltige Veränderung ist ein Prozess, kein Ereignis. Sechs Monate Abstinenz sind nur der Anfang. Echte Veränderung bedeutet mehr und berührt alle drei Ebenen:

Körperlich: Verstehen, wie Abhängigkeit im Gehirn funktioniert. Erkennen, wenn man eine Sucht nur durch etwas anderes ersetzt. Gesunde Selbstfürsorge entwickeln – nicht exzessiv, sondern ausgewogen.

Psychologisch: Verstehen, warum ich getrunken habe. War es Emotionsregulation? Gab es Traumata? Ungelöste Konflikte? Schuld und Scham therapeutisch bearbeiten, nicht einfach wegdrücken. Und vor allem: Von „Ich muss aufhören“ zu „Ich will ein anderes Leben“ kommen – von äußerem Druck zu innerer Überzeugung.

Sozial: Die Beziehungsmuster verändern. Wenn die Partnerin jahrelang Verantwortung übernommen hat, muss sie lernen loszulassen. Wenn ich mich jahrelang versteckt habe, muss ich lernen zu kommunizieren. Das soziale Netz muss neu aufgebaut werden.

Das Transtheoretische Modell zeigt: Jedes Stadium braucht andere Hilfe. In der Sorglosigkeit hilft kein Druck, sondern Bewusstseinsarbeit. In der Ambivalenz braucht es Unterstützung beim Abwägen – genau hier setzt die Motivierende Gesprächsführung an. In der Vorbereitung konkrete Planung. In der Handlung neue Fähigkeiten und Unterstützung. Und vor allem: Selbstwirksamkeit – die Überzeugung, dass ich schwierige Situationen ohne Alkohol bewältigen kann. Das ist der stärkste Vorhersagefaktor für langfristige Abstinenz.

Tim hatte diese Überzeugung nicht entwickelt. Er hatte nur verzichtet. Deshalb war sein Rückfall ins alte Denkmuster unvermeidlich.


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Dann arbeiten wir gemeinsam daran, dass Veränderung nicht nur äußerlich, sondern innerlich stattfindet.

Weiterführende Quellen:

Transtheoretisches Modell

LWL – Motivational Interviewing und Transtheoretisches Modell

Krüger, R. T. (2015). Störungsspezifische Psychodramatherapie: Theorie und Praxis (2. überarbeitete Auflage). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.