
Jemand aus dem Team fehlt häufiger. Kurze Krankschreibungen, diffuse Beschwerden. Noch keine 42 Tage – aber die Richtung stimmt nicht. Die Führungskraft steht vor der Frage: Wie spreche ich das an, ohne übergriffig zu werden? Wie helfe ich, ohne zu kontrollieren?
Drei Wege stehen zur Auswahl:
Weg 1: Ein Krankenrückkehrgespräch führen – die Führungskraft fragt nach, dokumentiert, hofft auf Besserung. Aber das Machtgefälle bleibt. Die Unsicherheit auch.
Weg 2: Abwarten, bis 42 Fehltage erreicht sind – dann greift die BEM-Pflicht. Strukturiert, rechtlich sauber. Aber spät. Zu spät.
Weg 3: Externe Beratung anbieten – präventiv, vertraulich, professionell. Ein bis vier Gespräche mit einem Sozialarbeiter. Die Firma zahlt. Die Führungskraft erfährt nichts über die Inhalte. Die Person bekommt Unterstützung, bevor aus häufigen Kurzausfällen ein ernsthaftes Problem wird.
Willkommen in der Welt des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Wo es drei Wege gibt – aber nur einer wirklich präventiv wirkt.
Die drei Wege im Überblick
Instrument | Krankenrückkehrgespräch | BEM (Betriebliches Eingliederungsmanagement) | Externe Beratung / EAP |
|---|---|---|---|
| Wann? | Frei wählbar | Ab 42 Fehltagen (Pflicht!) | Jederzeit, präventiv |
| Wer führt es? | Vorgesetzte | BEM-Team + externe Fachkraft | Externe Fachkraft |
| Was erfährt die Führungskraft? | Alles | Nur Maßnahmen, keine Details | Nur: „läuft/abgeschlossen“ |
| Fokus | Vergangenheit | Wiedereingliederung | Prävention |
| Datenschutz | Personalakte | Geschützte BEM-Akte | Schweigepflicht § 203 StGB |
| Freiwillig? | Theoretisch | Ja | Ja |
Weg 1: Krankenrückkehrgespräch – das Problem mit der Kontrolle
Die Idee dahinter: Führungskraft zeigt Interesse, fragt nach, bietet Unterstützung an.
Die Realität: Vorgesetzte sind keine Therapeutinnen. Sie haben keine psychologische Ausbildung. Sie führen Gespräche zwischen Bürotür und Baustelle. Und sie dokumentieren – für die Personalakte.
Warum das problematisch ist
Problem 1: Willkür
Es gibt keine gesetzlichen Vorgaben. Manche Betriebe laden nach zwei Fehltagen vor, andere nach fünf. Diese Willkür verunsichert beide Seiten.
Problem 2: Machtgefälle
Die Führungskraft fragt. Die Person antwortet. Beide wissen: Was hier gesagt wird, kann später gegen mich verwendet werden. Offenheit? Schwierig.
Problem 3: Probezeit
Wer dreimal krank war, gerät unter Druck. Menschen mit chronischen Erkrankungen werden aussortiert – legal, aber unmenschlich.
Problem 4: Überforderung
Die Meisterin soll klären, ob der Rücken, die Psyche oder das Private schuld ist? Ohne Ausbildung? Das ist, als würde man von einer Elektrikerin verlangen, nebenbei noch Statikerin zu sein.
Wann funktioniert es trotzdem?
Krankenrückkehrgespräche können funktionieren – wenn sie wertschätzend geführt werden, klare Grenzen einhalten (keine Diagnosen!) und die Führungskraft wirklich helfen will, nicht kontrollieren.
Aber ehrlich: Das ist die Ausnahme, nicht die Regel.
Weg 2: BEM – wenn das Kind schon im Brunnen liegt
Ab 42 Fehltagen pro Jahr sind Arbeitgebende verpflichtet, ein Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) anzubieten. Das gilt für alle Betriebe – auch die 5-Personen-Schreinerei, das Ingenieurbüro mit 15 Beschäftigten oder den Pflegedienst mit 20 Angestellten.
Wie läuft BEM?
- Schriftliche Einladung mit Erklärung der Ziele und des Datenschutzes
- Freiwilligkeit – Beschäftigte können ablehnen, ohne Nachteile
- Gemeinsame Klärung: Was sind die Ursachen? Was kann getan werden?
- Maßnahmenplan: Arbeitsplatzanpassung, andere Tätigkeit, Hilfsmittel, stufenweise Wiedereingliederung
BEM in Kleinbetrieben – geht das ohne Betriebsrat?
Ja. Auch ohne Betriebsrat ist BEM möglich, oft mit externer Begleitung. Als Sozialarbeiter (M.A.) mit BEM-Qualifikation übernehme ich diese Rolle – neutral zwischen Arbeitgebenden und Beschäftigten.
Das Problem mit BEM
BEM setzt ein, wenn das Kind bereits im Brunnen liegt. 42 Fehltage bedeuten: Das Problem schwelt schon lange. Die Fronten sind oft verhärtet. Beschäftigte fühlen sich unter Druck. Die Führungskraft ist frustriert.
BEM ist wichtig und rechtlich geboten. Aber es ist Krisenintervention, keine Prävention.
Weg 3: Externe Beratung – bevor aus 10 Tagen 42 werden
Die bessere Frage ist nicht: Was mache ich bei 42 Fehltagen?
Sondern: Was mache ich bei 10?
Genau hier setzt externe Beratung an. Employee Assistance Programs (EAP) sind in den USA, Kanada und Großbritannien längst Standard. Fast jedes mittelständische Unternehmen dort bietet Zugang zu externer, vertraulicher Beratung – bei privaten Krisen, psychischen Belastungen, Suchtproblemen oder beruflichen Konflikten.
Warum EAP in Deutschland noch selten ist?
Während Deutschland noch über Krankenrückkehrgespräche diskutiert, haben andere Länder längst erkannt: Prävention ist günstiger als Krisenintervention. Und Menschen öffnen sich eher gegenüber externen Fachleuten als gegenüber ihrer Führungskraft.
Drei Gründe, warum EAP hierzulande noch unterschätzt wird:
- Unwissenheit: Viele Personalabteilungen kennen EAP nicht oder verwechseln es mit betrieblicher Sozialberatung.
- Kostenbedenken: Klassische EAP-Programme kosten oft 20-50 € pro Person und Jahr – auch wenn niemand sie nutzt. Für kleine Betriebe unwirtschaftlich.
- Kulturelle Unterschiede: In Deutschland ist psychische Gesundheit am Arbeitsplatz stärker tabuisiert als in angelsächsischen Ländern.
Dabei zeigen internationale Studien: Jeder investierte Euro bringt durchschnittlich 3-5 Euro Return on Investment durch geringere Fehlzeiten, höhere Produktivität und besseres Betriebsklima.
Die praktikable Variante für KMU
Für kleine und mittelständische Betriebe gibt es eine einfachere Lösung: Einzelfall-Beratung ohne Abo-Modell. Keine Mindestvertragslaufzeit. Keine monatlichen Fixkosten. Sondern: Beratung dann, wenn sie gebraucht wird.
Genau das biete ich an.
Wie funktioniert das konkret?
Statt Krankenrückkehrgespräch sagt die Führungskraft:
„Ich merke, Sie fehlen öfter. Ich will nicht in Ihr Privatleben eingreifen – aber ich möchte Ihnen etwas anbieten. Sie können mit einem Sozialarbeiter reden, der sich mit solchen Situationen auskennt. Ein bis vier Gespräche, vertraulich. Die Firma zahlt. Ich erfahre nichts über die Inhalte. Sie müssen nicht – aber vielleicht hilft’s.“
Was passiert dann?
Die Person ruft an, macht einen Termin. Wir sprechen – vertraulich, ohne Zeitdruck.
Wir klären:
- Ist es gesundheitlich? (Braucht’s ärztliche Abklärung? Reha? Andere Arbeitsweise?)
- Ist es die Arbeit? (Überlastung? Konflikte? Mobbing?)
- Ist es das Private? (Trennung? Geldsorgen? Pflege von Angehörigen?)
- Ist es die Psyche? (Burn-out? Angst? Depression? Sucht?)
Dann entwickeln wir Schritte:
- Manchmal reichen 1-2 Gespräche zur Klärung
- Manchmal vermittle ich weiter (Suchtberatung, Schuldnerberatung, Fachärztinnen, Reha-Beratung)
- Manchmal wird klar: Hier braucht’s Veränderung im Betrieb (dann reden wir über BEM)
Als Sozialarbeiter bringe ich diese Vermittlungskompetenz mit: Ich kenne die Hilfesysteme, die Anlaufstellen, die rechtlichen Möglichkeiten. Und durch meine therapeutischen Zusatzqualifikationen (Suchttherapie, EMDR) kann ich auch komplexe psychische Belastungen einschätzen und begleiten.
Was erfährt die Führungskraft?
Die Führungskraft erfährt:
- „Die Beratung läuft“ bzw. „ist abgeschlossen“
- Bei Bedarf (und nur mit Zustimmung): „Es braucht weitere Schritte“
Die Führungskraft erfährt NICHT:
- Was besprochen wurde
- Welche Diagnosen vorliegen
- Private Details
Warum? Als staatlich anerkannter Sozialarbeiter unterliege ich der Schweigepflicht nach § 203 StGB – wie Ärztinnen und Psychologinnen. Das schafft den Vertrauensraum, den es braucht.
Was kostet das?
Transparentes Preismodell:
- 140 € pro Sitzung (60 Minuten)
- Typisch: 1-4 Sitzungen = 140-560 €
- Keine Abo-Gebühren
- Zahlen Arbeitgebende (steuerlich absetzbar)
- Bei längerfristiger Kooperation: individuelle Vereinbarungen
Zum Vergleich:
- Eine Woche Krankheitsausfall: ca. 800-1.200 € Produktivitätsverlust
- BEM-Verfahren: Monatelanger Aufwand, hohe Ressourcenbindung
- Klassisches EAP-Abo: 20-50 € pro Person/Jahr, auch wenn niemand es nutzt
Rechenbeispiel:
Jemand fehlt 3x in 2 Monaten (je 3-5 Tage). Ohne Intervention: Risiko weiterer Ausfälle. Mit 3 Beratungsgesprächen (420 €): Problem geklärt. Wenn dadurch eine weitere Krankheitswoche verhindert wird, hat sich die Investition amortisiert.
Der Unterschied zum Krankenrückkehrgespräch
| Krankenrückkehrgespräch | Externe Beratung |
|---|---|
| Führungskraft fragt aus | Neutrale Fachkraft berät |
| Machtgefälle | Auf Augenhöhe |
| Personalakte | Schweigepflicht |
| Kontrolle | Unterstützung |
| Person rechtfertigt sich | Person öffnet sich |
Typische Situationen für externe Beratung
- Häufige Kurzerkrankungen (2-5 Tage, mehrfach im Quartal)
- Leistungsabfall, Konzentrationsprobleme, Gereiztheit
- Verdacht auf psychische Belastung (Burn-out, Ängste, Depression)
- Hinweise auf Suchtproblematik
- Teamkonflikte, die sich in Krankmeldungen niederschlagen
- Private Krisen mit Auswirkung auf die Arbeit
- Chronische Erkrankungen, die besser gemanagt werden könnten
Der Vorteil: Man greift ein, bevor 42 Fehltage erreicht sind.
Und wenn’s doch zu BEM kommt?
Manchmal reichen 1-4 Gespräche nicht. Dann wird BEM zur Pflicht – und ich kann weiter begleiten. Als externe Fachkraft moderiere ich das BEM-Verfahren, koordiniere mit Krankenkassen, Rentenversicherung, Integrationsamt.
Der Vorteil: Die Person kennt mich bereits. Vertrauen ist da.
Als Sozialarbeiter bringe ich die Kompetenzen mit, die BEM braucht: Case Management, Netzwerkarbeit, Kenntnisse im Sozialrecht (SGB IX), systemisches Denken.
Checkliste: Woran erkenne ich gute Prävention?
✅ Gute Zeichen
- Unterstützung wird angeboten, bevor Kontrolle greift
- Freiwilligkeit wird respektiert
- Personalführung und Therapie sind klar getrennt
- Externe Expertise wird genutzt
- Menschen fühlen sich unterstützt, nicht überwacht
- Datenschutz ist klar geregelt
🚩 Alarmsignale
- Krankenrückkehrgespräche als Druckmittel
- BEM wird „vergessen“ oder als Pflichtübung abgehakt
- Menschen sollen private Details preisgeben
- Externe Unterstützung wird abgelehnt
- Krankheit wird tabuisiert oder stigmatisiert
Der Test
Fragen Sie sich: Würden Beschäftigte nach einem Gespräch über Krankheit beim nächsten Schnupfen eher zuhause bleiben und auskurieren – oder eher krank zur Arbeit kommen aus Angst vor Konsequenzen?
Wenn Letzteres: Das System hat versagt. Denn Präsentismus (krank arbeiten) kostet mehr als Fehlzeiten – und macht langfristig noch kränker.
Fazit: Prävention statt Krisenmanagement
Die drei Wege zusammengefasst:
- Krankenrückkehrgespräch: Gut gemeint, oft problematisch. Zu viel Kontrolle, zu wenig Kompetenz.
- BEM: Gesetzliche Pflicht ab 42 Tagen. Wichtig – aber zu spät. Das Kind liegt schon im Brunnen.
- Externe Beratung: Präventiv. Vertraulich. Professionell. Bevor aus 10 Fehltagen 42 werden.
Was es braucht:
- Führungskräfte, die wissen: Ich bin Führungskraft, nicht Therapeutin
- Klare Strukturen und Betriebsvereinbarungen
- Investition in Prävention, nicht nur Reaktion
- Externe Expertise, die neutral begleitet
- Eine Kultur, in der Krankheit kein Stigma ist
Gesundheitsmanagement funktioniert nur mit Vertrauen. Und Vertrauen entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Transparenz, Verlässlichkeit und echtes Interesse.
Der dritte Weg verbindet beides: Fürsorge und Schutz. Professionell. Vertraulich. Bezahlbar.
Weiterführende Quellen
📌 SGB IX § 167 Abs. 2 – gesetze-im-internet.de
📌 StGB § 203 – gesetze-im-internet.de
📊 DGUV (2020): BEM in Deutschland – dguv.de
📊 Hemp (2004): Präsentismus – Harvard Business Review
📖 BAR: BEM-Praxisleitfaden – bar-frankfurt.de

