Wenn die Psyche krank macht: Warum BEM und EAP bei Burnout, Depression und Sucht besondere Expertise brauchen

40% aller Krankheitstage gehen auf psychische Erkrankungen zurück (DAK-Gesundheitsreport 2024). Nicht Rückenschmerzen, nicht Erkältungen – die Psyche ist der häufigste Grund für Fehlzeiten.

Das Problem: Bei psychischen Erkrankungen versagt Standard-BEM regelmäßig. Warum? Weil sie sich nicht mit höhenverstellbaren Schreibtischen lösen lassen. Sie sind unsichtbar, verwoben mit Körper und Lebensumständen – und brauchen jemanden, der die Zusammenhänge versteht.

Im ersten Teil ging es um die drei Wege im betrieblichen Gesundheitsmanagement. Jetzt geht es um die Frage: Welche Expertise braucht es bei Burnout, Depression und Sucht wirklich?

Drei Erkrankungen, drei Missverständnisse

Burnout: Wenn Erschöpfung zur Krankheit wird

„Ich bin halt gestresst. Das geht vorbei.“ – So bagatellisieren viele ihr Burnout. Dabei ist es totale Erschöpfung, die sich über Monate aufbaut: Chronische Müdigkeit (auch nach Urlaub), Zynismus, das Gefühl „Ich schaffe nichts mehr“, Kopfschmerzen, Magenprobleme.

Das Tückische: Burnout trifft oft die Engagierten. Menschen, die funktionieren, die Verantwortung übernehmen – bis nichts mehr geht. Ein BEM-Gespräch nach 42 Fehltagen fragt dann: „Was können wir am Arbeitsplatz ändern?“ Die eigentliche Frage wäre: Wie konnte es so weit kommen?

Depression: Die unsichtbare Krankheit

Depression ist nicht „schlechte Laune“. Sie ist eine schwere Erkrankung. Menschen mit Depression können morgens nicht aufstehen, spüren keine Freude mehr, stecken in einem schwarzen Loch.

Im Betrieb zeigt sich das oft so: Leistungsabfall, sozialer Rückzug, häufige Kurzerkrankungen (Magen-Darm, Migräne, Infekte), Gereiztheit, Grübeln. Das Problem: Die meisten suchen keine Hilfe. Sie schämen sich, denken sie müssten „sich zusammenreißen“.

Depression ist behandelbar – durch Psychotherapie, manchmal Medikamente. Aber nur, wenn darüber gesprochen werden kann. Und genau das verhindert ein Gespräch mit der Führungskraft.

Sucht: Die Krankheit, über die niemand spricht

5-10% der Beschäftigten haben ein Suchtproblem (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen) – Alkohol, Medikamente, seltener illegale Drogen. Viele funktionieren jahrelang, während sie abhängig sind.

Typische Anzeichen: Montagsausfälle, Leistungsschwankungen, Alkoholfahne, zittrige Hände, häufige Kurzerkrankungen ohne klare Diagnose. Das Problem: Kolleginnen decken, Führungskräfte schauen weg, Betroffene leugnen.

Jahrelang habe ich in der Suchtberatung gearbeitet. Die meisten kamen erst in der Krise – nach Kündigung, Führerscheinentzug, Zusammenbruch. Immer waren die Warnsignale lange sichtbar. Aber niemand sprach sie an.

Sucht ist eine Krankheit, keine Charakterschwäche. Sie ist behandelbar – aber nur, wenn sie erkannt wird.

Neurodiversität: Ein oft übersehener Faktor

10-15% der Menschen sind neurodivergent – autistisch, ADHS, anders veranlagt. Sie verarbeiten Reize anders, was im Arbeitskontext Stärken (Konzentration, Detailgenauigkeit) und Schwierigkeiten (Reizüberflutung, implizite Kommunikation) bringen kann.

Das Ergebnis: Neurodivergente Menschen erleben häufiger Burnout und Depressionen – nicht, weil sie krank sind, sondern weil die Arbeitswelt nicht für sie gemacht ist. Oft würden schon einfache Anpassungen helfen: Einzelbüro, klare Kommunikation, Noise-Cancelling-Kopfhörer.

Wenn Körper und Psyche sich gegenseitig verstärken

Psychische Erkrankungen kommen selten allein. Wer depressiv ist, schläft schlecht. Wer schlecht schläft, bekommt Schmerzen. Wer Schmerzen hat, wird gereizt. Ein Teufelskreis.

Beispiel: Jemand hat seit Jahren Rückenschmerzen. Die Person arbeitet weiter – mit Schmerzmitteln, mit zusammengebissenen Zähnen. Irgendwann kommt die Depression. Nicht aus Schwäche, sondern weil chronischer Schmerz die Produktion von Glückshormonen im Gehirn drosselt.

Im BEM-Gespräch wird über „Rückenschmerzen“ gesprochen. Über Ergonomie, über Pausen. Aber niemand fragt: Wie geht es Ihnen psychisch? Dabei lassen sich chronische Schmerzen oft nur behandeln, wenn auch die psychische Seite berücksichtigt wird.

Umgekehrt: Psychische Belastungen zeigen sich oft zuerst körperlich. Dauerstress führt zu Bluthochdruck. Angst schlägt auf Magen und Darm. Depression zeigt sich als Erschöpfung und Schmerzen ohne organischen Befund.

Häufige Kurzerkrankungen mit diffusen Beschwerden sind oft ein Hilferuf: Der Körper sagt „Es ist zu viel“, aber die Person kann es nicht aussprechen.

Warum Checklisten hier versagen

Standard-BEM: Einladung, Gespräch, Maßnahmen (Arbeitsplatzanpassung, Wiedereingliederung), dokumentieren. Das funktioniert bei körperlichen Erkrankungen. Bandscheibenvorfall? Höhenverstellbarer Schreibtisch.

Bei Depression, Burnout, Sucht versagt die Checkliste:

  • Komplexe Ursachen: Depression entsteht durch Biografie + Belastungen + Arbeitsumfeld + körperliche Faktoren. Wo ansetzen?
  • Scham steht im Weg: Menschen öffnen sich nicht, wenn sie fürchten, dass ihre Depression in der Personalakte landet.
  • Keine technische Lösung: Bei Sucht hilft kein anderer Schreibtisch. Bei Burnout keine Teilzeit – wenn die Ursachen im System liegen. Bei Depression kein Hilfsmittel – wenn Psychotherapie nötig ist.

Was es stattdessen braucht

Zusammenhänge verstehen

Psychische Erkrankungen entstehen in Systemen: Familie, Arbeit, Gesundheitswesen, Lebensgeschichte. Ein Mitarbeiter fehlt häufig – liegt es an der Arbeit? An der Pflege seiner Mutter? An Depression? An Schulden? Meist ist es eine Mischung.

Als Sozialarbeiter bin ich darin ausgebildet, diese Wechselwirkungen zu sehen.

Symptome richtig einordnen

Als Rettungssanitäter habe ich gelernt, Symptome schnell einzuordnen: Herzrasen bei Panikattacken, Magenschmerzen bei Stress, Erschöpfung bei Depression. Diese medizinische Grundkompetenz hilft mir, körperliche und psychische Symptome zusammenzudenken.

Meine therapeutischen Ausbildungen (Suchttherapie, EMDR-Traumatherapie) ermöglichen mir einzuschätzen, welche Unterstützung nötig ist – und wohin ich vermitteln kann.

Zwischen allen Stellen koordinieren

Sowohl in der BEM-Begleitung als auch in meiner Arbeit als rechtlicher Betreuer koordiniere ich täglich zwischen vielen Akteuren: Ich stelle Anträge auf Erwerbsminderungsrente, verhandle mit Krankenkassen über Reha-Leistungen, kläre Schwerbehindertenrecht, regle Schulden. Ich kenne die Formulare, Fristen, die Sprache der Behörden.

Denn oft ist die Frage nicht „anderer Schreibtisch?“, sondern: Braucht es eine Reha? Eine Erwerbsminderungsrente? Leistungen zur Teilhabe?

Fazit

40% aller Fehltage gehen auf psychische Erkrankungen zurück. Diese Zahl wird steigen – nicht, weil Menschen schwächer werden, sondern weil die Arbeitswelt schneller wird.

Betriebliches Gesundheitsmanagement bei psychischen Erkrankungen braucht keine Checklisten. Es braucht Menschen, die Zusammenhänge erkennen, Symptome einordnen können und zwischen allen Stellen koordinieren.

Quellen

📊 DAK-Gesundheitsreport 2024: Psychische Erkrankungen als Hauptursache für Fehltage
📌 SGB IX § 167: Prävention und Betriebliches Eingliederungsmanagement
📊 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Sucht am Arbeitsplatz