
Stell dir vor, du ziehst vor einer schwierigen Situation innerlich einen Schutzanzug an. Nicht aus Metall – sondern aus einem Körpergefühl, das du selbst entwickelt hast. Einer, der dich nicht abschottet, sondern reguliert: Du bist dabei. Du entscheidest, wie viel dich erreicht.
Genau das ist eine der Techniken der hypnosystemischen Therapie. Und sie klingt nicht zufällig nach dem, was viele neurodivergente Menschen ihr ganzes Leben lang gesucht haben.
Was ist hypnosystemische Therapie?
Der Ansatz wurde von Dr. Gunther Schmidt entwickelt und verbindet systemisches Denken mit Hypnotherapie nach Milton H. Erickson. Der Kern: Menschen geraten in eine Problemtrance – sie kreisen so lange um ein Problem, bis es sich wie ihre Identität anfühlt. Spielräume verschwinden. Der Blick verengt sich.
Hypnosystemische Therapie dreht das um. Der Fachmann ist der Klient selbst – der Therapeut schafft den Raum, damit der Klient die Kontrolle übernehmen und in seine Stärken zurückkehren kann. Statt Symptome zu bekämpfen, werden sie als Botschafter von Bedürfnissen verstanden und nutzbar gemacht.
Der Schutzanzug ist ein Beispiel dafür: In einem geführten inneren Prozess wird ein persönliches Körpergefühl entwickelt, das vor schwierigen Situationen bewusst abgerufen werden kann. Wer in Gedankenstrudeln feststeckt, lernt, diese Gedanken zu beobachten statt mitgerissen zu werden. Das wirkt, weil es dort ansetzt, wo Reden allein nicht reicht.
Gerade für Menschen, deren Gehirn von Anfang an anders verdrahtet war – und die dafür oft einen hohen Preis gezahlt haben – kann genau das der entscheidende Unterschied sein.
ADHS, ADS und Autismus
Dieser Ansatz passt besonders gut zu neurodivergenten Menschen – und das hat einen Grund: Wer mit ADHS, ADS oder Autismus aufgewachsen ist, kennt Problemtrance meist in einer ganz spezifischen Form. Nicht als vorübergehenden Zustand, sondern als jahrelange Erfahrung: Du bist das Problem. Geformt durch Schule, Familie, Arbeit. Irgendwann braucht es niemanden mehr, der das sagt. Man sagt es selbst.
ADHS zeigt sich bei Erwachsenen häufig als innere Getriebenheit und Erschöpfung – aber auch als Hyperfokus, eine oft übersehene Stärke. ADS bleibt lange unsichtbar: kein Toben, sondern stilles Abschweifen, das jahrelang als Faulheit missverstanden wird. Autismus verändert, wie Wahrnehmung und soziale Interaktion verarbeitet werden – mit hoher Integrität und Tiefe auf der einen, und dem Preis jahrelangen Maskings auf der anderen Seite.
Warum dieser Ansatz hier passt
Hypnosystemische Interventionen erlauben nachhaltige Veränderungen auch bei Problemen, die als hartnäckig oder chronifiziert gelten. Der Ansatz utilisiert, was da ist – Hyperfokus wird zur Ressource, intensive Wahrnehmung zum Werkzeug. Eine Studie von Virta et al. (2010) zeigte zudem eine stärkere Langzeitwirkung als kognitive Verhaltenstherapie allein bei Erwachsenen mit ADHS.
In meiner Praxis verbinde ich hypnosystemische Arbeit mit Psychodrama, EMDR und Körperarbeit. Als autistischer Therapeut kenne ich viele Themen aus eigener Erfahrung – und ich arbeite ohne Normalisierungsdruck. Nicht darum, dass jemand besser funktioniert. Sondern darum, dass mehr vom eigenen Leben möglich wird.
Ist das dassselbe wie Hypnose?
Nein. Kein Bewusstseinsverlust, kein Pendel. Du bleibst vollständig wach und steuerst aktiv mit.
Brauch ich eine Diagnose
Nein. Das Gefühl Ich ticke irgendwie anders reicht für ein erstes Gespräch.
Kann das Medikamente ersetzen?
Nein – und das ist nicht das Ziel. Hypnosystemische Arbeit lässt sich gut ergänzend einsetzen. Medizinische Fragen klärst du mit deinem Arzt.
Wie lange dauert das?
Abhängig vom Anliegen – manche kommen mit einem konkreten Thema und brauchen 8–12 Sitzungen. Wir schauen gemeinsam.

