Offene Beziehungen und Polyamorie: Freiheit, Flucht oder Fundament?

Es ist ein Smartphondisplay zu sehen. Auf dem sind mehrere Kontakte mit Mia Herz: Wann sehen wir uns? Luca Herz: Können wir reden? und Jasmin Herz: Vermiss Dich. Zu sehen. Darunter ist ein Schriftzug mit Wieviel Partner*innen sind zu viel? zu lesen.

„Wir haben unsere Beziehung geöffnet“ – dieser Satz fällt in meiner Praxis immer häufiger. Manchmal voller Überzeugung, manchmal zögernd, manchmal als letzter Versuch, eine Krise zu bewältigen. Manche Paare wissen gar nicht, dass das, was sie leben oder leben möchten, bereits einen Namen hat. Sie beschreiben ihre Situation und fragen sich: Ist das normal? Sind wir damit allein?

Was bedeuten diese Begriffe? Der Oberbegriff für all diese Beziehungsformen ist ethische Non-Monogamie – also das bewusste Führen mehrerer Beziehungen oder Kontakte mit Wissen und Einverständnis aller Beteiligten. Das „ethisch“ ist dabei zentral und unterscheidet diese Formen fundamental von Betrug: Es bedeutet Transparenz statt Heimlichkeit, echtes Einverständnis statt Nachgeben aus Angst, klare Kommunikation statt Vermeidung und Verantwortung für die emotionale Sicherheit aller.

Innerhalb dieser ethischen Non-Monogamie gibt es verschiedene Ausprägungen. Eine offene Beziehung ist eine feste Partnerschaft, die sexuelle oder emotionale Kontakte außerhalb zulässt – mit klaren Absprachen. Die Hauptbeziehung bleibt zentral, aber es gibt bewusst Raum für andere Begegnungen. Polyamorie geht einen Schritt weiter: Hier führen Menschen bewusst mehrere emotionale und romantische Beziehungen gleichzeitig. Es geht nicht nur um Sex, sondern um Liebe, Bindung und emotionale Nähe zu mehreren Menschen. Alle wissen voneinander, alle haben zugestimmt.

Warum entscheiden sich Menschen dafür? Die Motivationen sind vielfältig. Manche spüren, dass Monogamie nicht zu ihnen passt, sie lieben ihren Partner und gleichzeitig entwickeln sich Gefühle für andere Menschen. Andere haben unterschiedliche Bedürfnisse, die sie nicht von einem Menschen erwarten möchten. Wieder andere leben eine philosophische Überzeugung, dass Liebe nicht besitzergreifend sein sollte. Doch manchmal steckt auch Problematisches dahinter: Die Hoffnung, Beziehungsprobleme durch Öffnung zu lösen, oder die Flucht vor echter Intimität.

Die häufigsten Stolpersteine entstehen durch ungleiche Motivation. Einer will die Öffnung, der andere stimmt zu – aber nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst, den Partner zu verlieren oder als „spießig“ zu gelten. Das ist kein solides Fundament. Eifersucht wird massiv unterschätzt: Sie ist eine natürliche emotionale Reaktion, die nicht durch Willenskraft verschwindet. Auch in offenen Beziehungen gibt es Eifersucht – der Unterschied liegt im Umgang damit. Der Kommunikationsaufwand wird ebenfalls unterschätzt: Offene Beziehungen brauchen mehr Gespräche, nicht weniger – ständige Klärung von Grenzen, Aushandlung von Zeit, Bearbeitung von Verletzungen. Und häufig entsteht unerwartete Asymmetrie: Einer findet leichter neue Partner, der andere fühlt sich zurückgelassen und „weniger begehrenswert“.

Wann funktioniert es? Wenn beide es wirklich wollen, die Beziehung stabil ist, bereits gute Kommunikation existiert und beide ihre Bedürfnisse kennen und aussprechen können. Warnsignale hingegen sind: Die Beziehung ist bereits in der Krise, Intimität wird als erdrückend erlebt, neue Partner sollen kompensieren, was in der Primärbeziehung fehlt, oder Konflikte werden durch Komplexität vermieden. Die unbequeme Wahrheit: Wenn echte Nähe in einer Beziehung schwierig ist, wird sie durch zusätzliche Beziehungen nicht einfacher, sondern komplizierter.

Wie kann Paartherapie helfen? Die wichtigste Arbeit findet vor der Öffnung statt – bei der Klärung der echten Motivation, der ehrlichen Frage ob beide es wirklich wollen, und der Bearbeitung ungelöster Konflikte. Während einer offenen Beziehung unterstützt Therapie bei Eifersucht, Grenzen und Asymmetrien. Und wenn es nicht funktioniert, ist das kein Scheitern, sondern eine wichtige Erkenntnis über die eigenen Bedürfnisse.

Die entscheidende Frage ist nicht „Monogam oder offen?“, sondern: „Was brauchen wir beide wirklich? Und sind wir bereit, die Arbeit zu leisten, die unser gewähltes Beziehungsmodell erfordert?“ Denn alle Beziehungsformen sind anstrengend – der Unterschied liegt darin, welche Herausforderungen zu Ihnen passen.

Sie stehen vor dieser Frage? Kontaktieren Sie mich für ein unverbindliches Erstgespräch. Paartherapie hilft bei der Klärung – nicht bei der Bewertung.