Ein Schuh, ein bestimmter Duft, die Berührung an den Füßen, der Gedanke an Speichel oder Urin während des Sex – und im Körper passiert etwas, das sich kaum steuern lässt. Danach kommt bei vielen Menschen ein zweiter, viel leiserer Impuls: Ist das noch normal? Stimmt etwas nicht mit mir?
Diese Frage führt selten weiter. Die therapeutisch entscheidende Frage ist eine andere: Ist die Schuld oder Scham, die jemand über einen Fetisch empfindet, überhaupt berechtigt? Meistens lautet die Antwort: nein. Genau dieser Unterschied, zwischen dem, was jemand fühlt, und dem, was dieses Gefühl tatsächlich aussagt, ist der Ausgangspunkt meiner Arbeit an diesem Thema.
Drei Fetische zum Wiedererkennen
Fußfetisch. Erregung durch Füße, Zehen oder Schuhe gehört zu den verbreitetsten Fetischen überhaupt. Trotzdem glauben viele Menschen mit dieser Vorliebe, sie seien damit ziemlich allein – obwohl kaum ein anderes Interesse so häufig geteilt wird.
Speichel und Anspucken. Hier steht selten die Flüssigkeit selbst im Zentrum, sondern das, was sie symbolisiert: Nähe, Unterwerfung, Kontrolle, Hingabe. Gerade weil Macht- und Demütigungsfantasien berührt werden, ist die Scham hier oft besonders groß.
Urinspiele. Kaum ein anderes Interesse ist so eng mit Ekel und Tabu verknüpft. Entsprechend groß ist die Angst, mit diesem Wunsch als „abartig“ zu gelten – eine Angst, die meist deutlich größer ausfällt als das, was der Wunsch selbst eigentlich beschreibt.
Diese drei Beispiele stehen stellvertretend für viele weitere Vorlieben. Sie zeigen ein gemeinsames Muster: Die Intensität der Scham hat selten etwas mit der tatsächlichen Harmlosigkeit oder Seltenheit einer Vorliebe zu tun, sondern mit dem, was jemand früh über Sexualität, Kontrolle oder Körperlichkeit gelernt hat.
Schuld und Scham sind nicht dasselbe Gefühl
Beide Begriffe werden umgangssprachlich oft vermischt, meinen psychologisch aber sehr Unterschiedliches:
| Gefühl | Bezieht sich auf | Innerer Satz | Funktion |
|---|---|---|---|
| Schuld | ein konkretes Verhalten | „Ich habe etwas Falsches getan.“ | Gewissenssignal, das zu Wiedergutmachung oder Veränderung anregen kann |
| Scham | das ganze Selbst | „Ich bin falsch, minderwertig, abstoßend.“ | Kein verlässliches Signal für Fehlverhalten, sondern meist Ausdruck internalisierter Bewertung |
Schuld ist an eine Handlung gekoppelt und lässt sich, wenn sie berechtigt ist, auflösen: durch Verantwortungsübernahme, Wiedergutmachung, Veränderung. Scham zielt nicht auf ein Verhalten, sondern auf die Person als Ganzes. Sie lässt sich durch Handeln allein kaum auflösen, weil sie gar nicht an ein konkretes Fehlverhalten gebunden ist, sondern an ein früh erlerntes Urteil über den eigenen Wert.
Wann ist Schuld bei einem Fetisch tatsächlich berechtigt?
Ein Fetisch für sich genommen begründet keine Schuld, egal ob er Füße, Speichel, Urin oder etwas anderes betrifft. Schuld ist dort berechtigt, wo tatsächlich in die Autonomie eines anderen Menschen eingegriffen wurde: wenn jemand ohne Zustimmung einbezogen, unter Druck gesetzt oder in seiner Würde verletzt wurde. Ein Wunsch allein verletzt niemanden. Erst eine Handlung ohne Zustimmung tut das.
Viele Menschen vermischen genau diese beiden Ebenen: Sie empfinden intensive Schuld über das bloße Vorhandensein eines Wunsches, nicht über ein tatsächliches Verhalten gegenüber einem anderen Menschen. Diese Unterscheidung sichtbar zu machen, ist oft schon der erste therapeutische Schritt.
Wann ist Scham nicht gerechtfertigt?
In der weit überwiegenden Zahl der Fälle ist die Scham über einen Fetisch nicht gerechtfertigt. Sie beruht nicht auf einer tatsächlichen Verfehlung, sondern auf einer verinnerlichten Bewertung, die von außen übernommen wurde, aus dem, was ein Mensch früh über Sexualität gelernt hat: durch Schweigen, durch beschämende Reaktionen, durch religiöse oder moralische Prägung, durch Witze oder Abwertung, die andere sexuelle Interessen betrafen und im Gedächtnis blieben.
Ein Kind, das lernt „darüber spricht man nicht“ oder „das darf man nicht fühlen“, entwickelt oft einen inneren Wächter, der später jede abweichende Regung reflexhaft bewertet, unabhängig davon, ob überhaupt jemand geschädigt wird. Diese Scham ist also weniger eine Reaktion auf den Fetisch als eine sehr alte, gut einstudierte Reaktion auf das Gefühl von Andersartigkeit selbst. Genau deshalb hilft reine Aufklärung oft nur begrenzt: Der Kopf versteht, dass nichts falsch daran ist. Die Scham sitzt an einer anderen Stelle, oft im Körper, und ist über Wissen allein kaum erreichbar.
Der Verstärkungskreislauf der Scham
In meiner Arbeit sehe ich häufig ein bestimmtes Muster: Menschen mit einem Fetisch entwickeln die Angst, andere könnten ihnen diese Vorliebe ansehen und sie deshalb ablehnen. Ein Blick auf der Straße, ein Lachen im Café, ein neutraler Gesichtsausdruck – all das wird dann als Beweis für Durchschautwerden oder Ekel gedeutet.
Psychologisch läuft hier ein sich selbst verstärkender Kreislauf ab: Ein Schamgedanke taucht auf. Die Aufmerksamkeit richtet sich nach außen, auf mögliche Anzeichen von Ablehnung im Umfeld. Neutrale Reaktionen anderer werden als Urteil interpretiert. Die innere Anspannung steigt, und diese Anspannung selbst wird dann als weiterer Beweis gedeutet: „Man merkt es mir also doch an.“
Der Stress in diesem Kreislauf ist real und belastend. Der Schluss, den die Person daraus zieht, alle würden ihren Fetisch erkennen und sie dafür verurteilen, trifft aber so gut wie nie zu. Ein Fetisch ist von außen nicht erkennbar. Was sich hier zeigt, ist keine Eigenschaft der Vorliebe, sondern ein Muster aus Scham, erhöhter Selbstbeobachtung und Angst vor Bewertung.
Wo diese Scham über sich hinauswächst
Eine Nuance ist mir wichtig, weil sie therapeutisch unterschiedliche Wege eröffnet. Sagt jemand „ich habe das Gefühl, andere merken es mir an“, spricht das für ausgeprägte Scham und soziale Angst, ein häufiges, gut zugängliches Thema für therapeutische Arbeit. Anders ist es, wenn eine Person unerschütterlich davon überzeugt ist, andere könnten tatsächlich Gedanken lesen, und sich diese Überzeugung durch nichts mehr entkräften lässt. Kommen dann noch starker Rückzug, Verzweiflung oder Stimmenhören hinzu, braucht es fachärztliche Abklärung. Das soll nicht verunsichern: Fast immer ist es Scham und soziale Angst, kein Anzeichen für etwas Ernsteres.
Therapeutischer Abbau von Schuld und Scham
Weil unberechtigte Scham selten allein durch Einsicht verschwindet, arbeite ich auf mehreren Ebenen gleichzeitig:
- Trennung von Fetisch und Selbstwert. Der zentrale Satz lautet: „Ich habe eine sexuelle Vorliebe“ statt „Ich bin dadurch etwas Schlechtes.“
- Realitätsprüfung. Was wurde tatsächlich gesagt oder getan, und was wird befürchtet oder in eine neutrale Situation hineininterpretiert?
- Die Schamgeschichte verstehen. Woher stammt die Überzeugung, dass dieser Fetisch einen Menschen unwert macht? Häufig lassen sich konkrete frühe Szenen finden, die bis heute nachwirken.
- Körperorientierte Arbeit. Scham sitzt selten nur im Kopf, sondern im Körper: als Enge in der Brust, als Hitze im Gesicht, als Impuls, sich klein zu machen. Psychodrama macht diese Muster sichtbar und veränderbar. Yogatherapeutische Elemente helfen, dem Körper wieder als sicherem Ort zu begegnen.
- EMDR bei früh geprägten Erfahrungen. Wo Scham an konkrete, belastende Erinnerungen geknüpft ist, kann deren gezielte Verarbeitung die emotionale Wucht deutlich reduzieren.
- Selbstmitgefühl statt Selbstverurteilung. Nicht als schnelles „Ist doch alles kein Problem“, sondern als bewusste Gegenbewegung zu einem sehr alten Selbsturteil.
Fazit
Ob Fuß, Speichel, Urin oder eine ganz andere Vorliebe: Die meisten Menschen, die wegen eines Fetischs zu mir kommen, tragen keine berechtigte Schuld. Sie tragen eine unberechtigte Scham, die sie mit einer moralischen Verfehlung verwechseln. Ein Fetisch für sich genommen verletzt niemanden und begründet daher auch keine Schuld. Die Scham, die trotzdem bleibt, ist meist ein sehr altes, verinnerlichtes Urteil, kein zuverlässiges Signal über den eigenen Wert. Genau dort setzt therapeutische Arbeit an: nicht beim Fetisch, sondern bei der Geschichte, die jemand über sich selbst gelernt hat.


