
Terrassen sind voll, die Straßen laut, überall Grillgeruch und ein Weinfest nach dem anderen. Für die meisten heißt das: endlich Sommer. Für andere heißt es: durchhalten, bis es wieder ruhiger wird.
Wer hochsensibel ist oder neurodivergent tickt – etwa mit ADHS, Autismus oder beidem gleichzeitig – erlebt genau diese Wochen oft als Dauerbelastung. Mehr Reize, mehr Hitze, mehr soziale Erwartung, weniger Rückzug. Ein Familienfest, das für die einen Erholung ist, kostet die anderen so viel Kraft wie ein Marathon.
Das ist kein Charakterfehler und keine Modeerscheinung. Es ist ein Nervensystem, das Reize anders verarbeitet – tiefer, schneller, intensiver. Das betrifft weit mehr Menschen, als es auf den ersten Blick scheint: manche wissen es seit Jahren, andere ahnen es nur, ohne bisher einen Namen dafür gefunden zu haben. Im Folgenden geht es darum, was im Sommer wirklich passiert, warum Reden darüber allein oft nicht reicht, und wie die therapeutische Arbeit in der Praxis in Waiblingen konkret ansetzt.
Was im Sommer wirklich passiert
Der Sommer ist kein einzelner Reiz, sondern ein ganzes Paket: helles Licht, Hitze, Gerüche von Sonnencreme und Grill, dünnere Kleidung, die sich anders anfühlt, volle Straßenbahnen, Menschenmengen – und das über Wochen, nicht nur an einem Nachmittag. Hitze allein kostet den Körper schon Energie, weil er ständig mit Thermoregulation beschäftigt ist. Diese Energie fehlt dann für alles andere: Konzentration, Geduld, Emotionsregulation.
Dazu kommt der Verlust von Routine – Ferien, spontane Einladungen, ein Kalender voller Ausnahmen. Und dann sind da die Feste: Weinfeste, Stadtfeste, Konzerte im Park, von Mai bis September fast jedes Wochenende. Dort bündeln sich mehrere Belastungen gleichzeitig – Lärm, Gedränge, Gerüche, kaum Rückzug, keine Kontrolle über Dauer und Intensität. Ein Fest ließe sich meist noch abfedern. Das dritte Fest am Stück, ohne einen ruhigen Tag dazwischen, ist etwas anderes.
Auf dem Stadtfest ist zunächst alles in Ordnung – gute Musik, nette Gespräche. Zwei Stunden später kommt die Erschöpfung wie aus dem Nichts, obwohl äußerlich nichts Besonderes passiert ist. Das ist keine Schwäche, sondern ein Nervensystem, das erst zeitverzögert merkt, wie viel es gerade verarbeitet hat.
Fachleute nennen das Sensory Processing Sensitivity: eine tiefere, gründlichere Verarbeitung von Reizen, die schneller zu Überlastung führt. Die Psychologin Elaine Aron beschrieb das Merkmal in den 1990er-Jahren; seither gilt es als Temperamentsmerkmal, nicht als Diagnose – ungefähr ein Fünftel der Menschen trägt es in ausgeprägter Form, unabhängig davon, ob sie introvertiert oder extrovertiert sind.
Bei Autismus und ADHS kommt häufig eine eigene, oft noch stärker ausgeprägte Form der Reizverarbeitung hinzu. Autistische Menschen registrieren manche Reize besonders intensiv und andere kaum – ein Grund, warum eine Umgebung, die für die meisten „nur laut“ ist, blitzschnell zu viel werden kann. Bei ADHS fällt es oft schwer, unwichtige Reize überhaupt auszufiltern: Alles kommt gleichzeitig an, und die Aufmerksamkeit landet dort, wo der stärkste Reiz gerade ist – nicht notwendigerweise dort, wo sie gebraucht wird. Treffen beide Muster zusammen, wie bei der Kombination aus ADHS und Autismus, die inzwischen häufiger „AuDHS“ genannt wird, können sich Reizsuche und Reizvermeidung sogar innerhalb eines einzigen Nachmittags abwechseln.
Wichtig ist eine Klarstellung: Der Sommer verursacht das alles nicht. Er ist Auslöser, nicht Ursache – er macht nur sichtbar, was sonst oft überspielt wird. Hinzu kommt ein sozialer Faktor: Sommer gilt kulturell als Zeit der Leichtigkeit. Wer davon erschöpft ist statt beschwingt, muss sich dafür oft auch noch rechtfertigen – das macht es doppelt schwer, einfach mal abzusagen.
Was im Alltag zusätzlich hilft
Neben der therapeutischen Arbeit gibt es einfache, sofort umsetzbare Stützen für die akuten Momente. Reizpausen vor dem nächsten Termin verhindern, dass sich Belastung von Situation zu Situation aufsummiert. Ein Rückzugsort ohne Erklärungspflicht – die eigene Wohnung, das Auto, ein ruhiger Nebenraum – gibt dem Nervensystem die Chance, sich zwischendurch zu erholen, statt durchgehend im Überlastungsmodus zu bleiben. Kopfhörer und eine Sonnenbrille sind auf einem lauten, hellen Fest keine Marotte, sondern eine wirksame Reizreduktion.
Genauso hilfreich: eine ehrliche Absage statt durchgehaltener Freundlichkeit, auch beim dritten Fest in Folge. Und bei Veranstaltungen, die sich ankündigen lassen, hilft eine kurze Vorab-Information – wie laut wird es, wie voll, gibt es einen ruhigeren Bereich –, weil Vorhersehbarkeit selbst schon entlastet, unabhängig davon, was am Ende tatsächlich passiert.
Diese Maßnahmen ersetzen keine therapeutische Arbeit, wenn die Erschöpfung chronisch geworden ist. Aber sie zeigen, worum es im Kern geht: nicht darum, mehr auszuhalten, sondern darum, den eigenen Spielraum an Regulation bewusst zu nutzen, statt ihn dem Zufall zu überlassen. Wer diesen Spielraum kennt, kann ihn gezielt einsetzen – vor dem Fest, während des Fests und danach, wenn die Erholung genauso wichtig ist wie die Teilnahme selbst.
Wie die Arbeit konkret aussieht
Ein überlastetes Nervensystem lässt sich nur begrenzt wegdenken oder wegerklären. Ein Gespräch allein ist schließlich auch ein Reiz, der verarbeitet werden muss. Deshalb setzt die Arbeit hier nicht in erster Linie auf Deuten und Analysieren, sondern auf Körper, Bild und Handlung – dort, wo die Überforderung tatsächlich sitzt. Die eingesetzten Methoden überschneiden sich bewusst: Hypnosystemik, Körperarbeit aus Yoga und Meditation, Psychodrama und EMDR ergänzen sich, je nachdem, was im Moment gebraucht wird.
Ein Beispiel aus der hypnosystemischen Arbeit ist der sogenannte Schutzanzug: In einem geführten inneren Prozess entsteht ein persönliches Körpergefühl, das sich vor schwierigen Situationen bewusst abrufen lässt – vor dem Stadtfest, vor dem Familientreffen, vor der Verabredung, die eigentlich schon zu viel ist. Wer in Gedankenstrudeln feststeckt, lernt dabei, diese Gedanken zu beobachten, statt von ihnen mitgerissen zu werden. Das wirkt, weil es genau dort ansetzt, wo Reden allein nicht reicht: nicht bei der Erklärung des Problems, sondern beim Körpergefühl, das im entscheidenden Moment abrufbar sein soll.
Körperarbeit und Atemtechniken aus Yoga und Meditation setzen ähnlich an, allerdings direkter: Sie helfen, das Nervensystem tatsächlich herunterzufahren, statt nur kognitiv zu verstehen, warum es hochgefahren ist. Wer chronisch überreizt ist, profitiert oft schneller von einer ruhigeren Atmung als von der besten Erklärung.
Psychodrama kommt zum Einsatz, wenn sich etwas schwer in Worte fassen lässt. Über Rollen, Symbole oder Gegenstände wird sichtbar, was verbal kaum zugänglich ist – etwa, wie sich eine überfüllte Feier tatsächlich anfühlt, wenn der Körper längst „Stopp“ sagt, die Situation das aber nicht zulässt. Gerade nach Jahren der Anpassung ist der Zugang zu solchen Gefühlen oft selbst verschüttet; Psychodrama macht ihn wieder zugänglich, ohne dass vorher alles sprachlich sortiert sein muss.
EMDR wird eingesetzt, wenn belastende Erfahrungen verarbeitet werden müssen – etwa jahrelange Zurückweisung wegen des eigenen „Andersseins“, Erschöpfung nach Jahren des Kompensierens oder konkrete Erlebnisse von Ausgrenzung. Die Methode erlaubt eine Verarbeitung, ohne dass jedes Detail dafür ausführlich erzählt werden muss – ein Vorteil besonders dann, wenn das genaue Erzählen selbst schon anstrengend wäre.
Welche Kombination im Einzelfall passt, entscheidet sich im Gespräch, nicht nach Schema. Am Anfang steht deshalb keine feste Methode, sondern eine gemeinsame Bestandsaufnahme: Welche Reize belasten besonders, welche Situationen kosten die meiste Kraft, was hat bisher schon geholfen, was hat sich als wirkungslos oder sogar zusätzlich belastend erwiesen. Diese Bestandsaufnahme findet bereits im kostenlosen Erstgespräch statt und entscheidet, welcher Baustein zuerst zum Einsatz kommt – oft beginnt es mit einer kurzen Regulationsübung, bevor überhaupt inhaltlich gearbeitet wird, weil ein überreiztes Nervensystem auch Gespräche schlechter verarbeitet.
Warum Anpassung nicht das Ziel ist
Ein Thema, das dabei oft mitschwingt, ist Masking: die Anpassung an eine Umgebung, die andere Reizverarbeitung erwartet – Blickkontakt simulieren, Erschöpfung verstecken, einfach mitgehen, obwohl längst alles zu viel ist. Das kostet auf Dauer enorm viel Kraft, auch wenn nach außen kaum etwas davon zu sehen ist.
Deshalb ist das Ziel der Arbeit nicht, noch besser zu funktionieren oder unauffälliger zu wirken. Es geht darum, zu verstehen, was tatsächlich belastet, und darum, wieder eine echte Wahl zu haben: Manchmal ist Anpassung sinnvoll – im Bewerbungsgespräch etwa oder in einer Prüfungssituation. Problematisch wird sie erst, wenn sie zum Dauerzustand wird, ohne dass noch eine Entscheidung dahintersteht. Wer dreißig Jahre kompensiert hat, hat nichts falsch gemacht – sondern mit den verfügbaren Mitteln durchgehalten. Die Arbeit setzt genau dort an, wo dieses Durchhalten in echte Selbstbestimmung übergehen kann.
Was das für dich bedeuten kann
Du musst dafür keine fertige Selbstdiagnose mitbringen. Es reicht, wenn du merkst, dass dich bestimmte Situationen mehr kosten, als sie bei anderen zu kosten scheinen.
Ich bin selbst spät diagnostizierter Autist. Vieles von dem, was hier beschrieben ist – die Erschöpfung nach „ganz normalen“ sozialen Situationen, die Erleichterung einer späten Erklärung –, kenne ich nicht nur aus der Praxis, sondern aus dem eigenen Leben. Das verändert, wie genau hingehört wird, wenn jemand erzählt, dass etwas anders läuft als beschrieben.
Wenn du dich in diesem Text wiederfindest – wegen des Sommers oder ganz unabhängig davon – lass uns in einem ersten, unverbindlichen Gespräch schauen, was hilft. Mehr zum Methodenmix findest du unter Therapeutische Methoden, mehr zu ADHS und Autismus konkret unter Hypnosystemische Therapie bei ADHS, ADS und Autismus und Autismus-Spätdiagnose bei Erwachsenen.
Ist Hochsensibilität eine Krankheit?
Nein. Es ist ein Temperamentsmerkmal, keine Diagnose – eine andere Art, Reize zu verarbeiten. Sie kann trotzdem belastend genug sein, um therapeutisch daran zu arbeiten.
Muss ich wissen, ob ich hochsensibel oder neurodivergent bin, bevor eine Anfrage sinnvoll ist?
Nein. Viele kommen ohne Etikett, einfach mit der Erfahrung, dass bestimmte Situationen mehr kosten als bei anderen Menschen. Das reicht als Anlass für ein Gespräch – eine formale Diagnostik ist keine Voraussetzung.
Warum wird gerade der Sommer für viele so anstrengend?
Weil Hitze, Festedichte und Routineverlust gleichzeitig zusammenkommen. Einzeln wäre das oft zu bewältigen – in der Summe über Wochen führt es schneller zur Erschöpfung.
Was unterscheidet Hochsensibilität von Autismus oder ADHS?
Hochsensibilität beschreibt vor allem eine erhöhte Reizverarbeitung ohne festgelegtes klinisches Störungsbild. Autismus und ADHS sind neurologische Entwicklungsvarianten mit eigenen diagnostischen Kriterien, bei denen sensorische Überempfindlichkeit ein häufiges, aber nicht das einzige Merkmal ist. Überschneidungen sind normal – eine schnelle Einordnung ist weniger wichtig als die konkrete Belastung im Alltag.
Reichen die Alltagstipps wie Reizpausen und Rückzugsorte nicht auch allein aus?
Für einzelne akute Situationen ja – sie verhindern, dass sich Belastung unnötig aufsummiert. Wenn die Erschöpfung aber schon chronisch geworden ist oder regelmäßig ganze Tage kostet, reichen solche Maßnahmen meist nicht mehr aus. Dann braucht es die tiefer ansetzende therapeutische Arbeit, damit sich am Muster selbst etwas verändert.

