
„Kein Autist, weil du reden kannst?"
Was die Frith-Debatte aufwühlt – und was das für dich bedeutet
Flüssig reden kann ich. Beruflich sogar sehr gut – als Therapeut, als Sozialarbeiter. Und trotzdem bin ich Autist.
Das erwähne ich, weil Uta Frith, eine der bekanntesten Autismus-Forscherinnen der Welt, im März 2026 in einem vielzitierten Interview sagte: Wer sich flüssig unterhalten kann, ist kein Autist. Die NZZ titelte es. Das Netz diskutierte. Und viele Menschen, die jahrelang nach einer Erklärung für sich gesucht hatten, fragten sich: Bin ich also doch keiner?
Viele kommen überhaupt erst durch einen Einschnitt zu dieser Frage – einen Burnout, eine gescheiterte Beziehung, eine Kündigung. Irgendwann reicht das Funktionieren nicht mehr. Diese Frage verdient eine ehrliche Antwort.
Was Frith gesagt hat – und was sie meinte
Uta Frith hat das Autismus-Spektrum-Konzept mitentwickelt. Jetzt sagt sie, es sei „zusammengebrochen“ – die Diagnose sei „völlig bedeutungslos“ geworden. Ihre Beobachtung: Die Diagnosen haben sich in zehn Jahren verdreifacht. Besonders eine zweite Gruppe wachse erschreckend schnell – jüngere Frauen, die flüssig kommunizieren, soziale Ängste haben, sich erschöpft fühlen. Für sie wäre „Hypersensibilität“ die treffendere Beschreibung. Das ist eine legitime wissenschaftliche Debatte, die Sorge um Überdiagnostik ist real – aber der Schluss, den viele Leser daraus zogen, flüssige Sprache gleich kein Autismus, ist falsch. Und er ist schädlich.
Bedeutungslos – das ist ein hartes Wort. Für das Gesundheitssystem mag eine Kategorie zu breit geworden sein. Für jemanden, der vierzig Jahre lang nicht wusste, warum er anders tickt, ist dieser Name das Gegenteil von bedeutungslos.
Der Grund liegt in einem Phänomen, das Frith zugleich bestreitet: Masking. Dabei handelt es sich nicht um bewusstes Täuschen, sondern um etwas, das autistische Menschen über Jahre trainieren – Blickkontakt erzwingen, Gesprächsthemen innerlich skripten, Reaktionen nachahmen, um unauffällig zu wirken. Es ist messbar, international über den CAT-Q (Camouflaging Autistic Traits Questionnaire), ein 2018 von Hull et al. im Journal of Autism and Developmental Disorders validiertes Instrument. Wer jahrelang in sozialen Berufen gearbeitet hat – als Erzieher, Pflegekraft, Sozialarbeiter – kann in einem diagnostischen Gespräch absolut unauffällig wirken. Und ist trotzdem zutiefst erschöpft. Masking ist dabei kein Frauenthema, auch wenn Frauen besonders häufig übersehen werden. Es betrifft jeden, der früh gelernt hat, sich anzupassen.
Ich bin Erzieher, Sozialarbeiter, Rettungssanitäter. Ich habe gelernt zu funktionieren. Das bedeutet nicht, dass ich kein Autist bin. Es bedeutet, dass ich ein guter Masker war – und dass mich das viele Jahre Kraft gekostet hat.
Was langfristiges Masking auslösen kann, wird in der Forschung zunehmend als autistischer Burnout beschrieben: ein tiefgreifender Erschöpfungszustand, der entsteht, wenn das jahrelange Anpassen die Kapazitäten übersteigt. Kein gewöhnlicher Burnout – sondern ein Zusammenbruch des Systems dahinter.
Die Diagnose-Frage
Dazu kommt ein strukturelles Problem: Die meisten Diagnose-Instrumente wurden für Kinder entwickelt. Erwachsene mit hochfunktionalem Autismus, die jahrzehntelang kompensiert haben, fallen durch die Maschen. Die Wartezeiten für offizielle Diagnostik in Deutschland betragen oft zwei Jahre und mehr, mit nahezu überall geschlossenen Listen. Wer keine Kindheitsdokumentation vorweisen kann, bekommt häufig keine Diagnose – oder eine andere: Persönlichkeitsstörung. Das ist kein Zufall. Es ist ein Systemfehler.
Viele kommen mit einer Selbstdiagnose im Gepäck zu diesem Prozess. Frith sieht darin ein Problem – der Druck auf Fachleute, diese zu bestätigen, sei zu groß. Das stimmt zur Hälfte. Wer sich jahrelang eingelesen hat, wer seinen eigenen Leidensweg kennt und benennen kann, ist kein Fall von Wunschdenken. Selbstdiagnose bei Autismus ist oft der erste Schritt zurück zu sich – und häufig treffsicherer als ihr Ruf. Was sie nicht ersetzen kann: das fachliche Einordnen, das Abgrenzen von Überschneidungen mit anderen Bildern, das Gespräch mit jemandem, der das Gesamtbild kennt.
Hier liegt die eigentlich wichtige Frage: Braucht hochfunktionaler Autismus überhaupt eine psychiatrische Diagnose? Wer Eingliederungshilfe, einen Schwerbehindertenausweis oder schulische Begleitung für das Kind braucht, dem öffnet sie Türen – da ist die offizielle psychiatrische Diagnose notwendig. Bei hochfunktionalen Erwachsenen, die ihren Alltag weitgehend selbstständig gestalten, sieht das anders aus. Es gibt keine Medikamente gegen Autismus, keine kassenfinanzierten Therapien, die nur mit offizieller Diagnose zugänglich wären. Autismus ist keine Erkrankung, die man behandelt wie eine Infektion.
Was eine Diagnose für hochfunktionale Erwachsene bringt, ist etwas anderes: Sie gibt einen Namen. Einen Namen für das Gefühl, immer anders zu sein, ohne zu wissen warum. Für die Erschöpfung nach sozialen Situationen. Für die Inselbegabungen und blinden Flecken. Für das jahrzehntelange Rätsel, warum das so anstrengend ist, was anderen leichtfällt. Dieser Name ist keine Krankheitsdiagnose. Er ist ein Identitätsanker.
Als ich meine Diagnose bekam, war das kein Schock. Es war eine Erleichterung – endlich eine Erklärung, kein Urteil.
Was ich anbiete – und was nicht
Als Heilpraktiker für Psychotherapie kann ich eine klinische Einschätzung geben, aber keine psychiatrische Diagnose, die Kassenleistungen oder Systemzugänge öffnet. Das ist Aufgabe des Facharztes. Wer zwei Jahre wartet und am Ende abgelehnt wird, steht sonst mit nichts da – hier kann der Prozess des Verstehens trotzdem beginnen. Was ich anbiete, ist Orientierung: Gemeinsam schauen wir, was du beschreibst – die Muster, die Erschöpfung, die Besonderheiten. Als jemand, der selbst betroffen ist, erkenne ich manches, das sich nicht in Fragebögen abbildet. Ich kann einschätzen, ob das, was du schilderst, nach Autismus-Spektrum klingt oder ob andere Erklärungen näher liegen.
Und dann kommt das, was nach einer Diagnose oft fehlt: das Lernen. Wie regulierst du dein Nervensystem? Wie kommunizierst du deine Grenzen? Wie gestaltest du deinen Alltag so, dass er zu dir passt statt gegen dich?
Dabei setze ich verschiedene Wege ein, die sich gut ergänzen. Die hypnosystemische Therapie nach Gunther Schmidt arbeitet ressourcenorientiert ohne Defizitfokus – sie aktiviert, was schon da ist, statt zu korrigieren, was angeblich fehlt. Für neurodivergente Menschen, die oft jahrelang als „falsch“ erlebt wurden, ist das ein grundlegend anderer Ausgangspunkt. EMDR hilft dabei nicht nur bei klassischem Trauma: Auch das kumulative Belastungserleben durch jahrelanges Masking kann traumatische Qualität haben – EMDR schafft Verarbeitung, wo Worte allein nicht reichen. Psychodrama arbeitet über Handlung und Körper statt über Analyse, was für überregulierte Nervensysteme oft der direktere Weg ist als rein verbale Therapie. Yoga und Achtsamkeit ergänzen das als Praxis der Regulation – für ein Nervensystem, das gelernt hat, dauerhaft auf Alarm zu stehen.
Therapie bedeutet hier nicht Heilung, sondern Selbstverstehen. Nach einer Autismus-Spätdiagnose verändert sich oft die Selbstwahrnehmung grundlegend. Endlich gibt es Worte für das, was war. Endlich darf man sich schonen, ohne faul zu sein. Endlich kann man Grenzen setzen, ohne sich zu schämen. Das ist kein Selbstmitleid – das ist Selbstkenntnis. Und Selbstkenntnis ist die Grundlage jeder echten Veränderung.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Kann ich als Erwachsener noch eine Autismus-Diagnose bekommen?
Ja. Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die lebenslang besteht – auch wenn sie erst mit 30, 40 oder 50 Jahren erkannt wird. Die Wartezeiten für offizielle Diagnostik sind in Deutschland sehr lang, oft zwei Jahre und mehr. Eine erste klinische Einschätzung kann auch ein erfahrener Therapeut geben.
Was ist der Unterschied zwischen Asperger-Syndrom und hochfunktionalem Autismus?
Beide bezeichnen Autismus ohne intellektuelle Beeinträchtigung und mit altersgerechter Sprachentwicklung. Seit DSM-5 (2013) werden beide unter „Autismus-Spektrum-Störung, Niveau 1″ zusammengefasst. In der klinischen Praxis werden die Begriffe noch häufig synonym verwendet – sie beschreiben dasselbe Erleben.
Ist eine Selbstdiagnose bei Autismus valide?
Als Ausgangspunkt: ja. Autistische Menschen, die sich tief in das Thema eingearbeitet haben, sind in ihrer Selbsteinschätzung erstaunlich treffsicher. Selbstdiagnose ersetzt nicht das fachliche Gespräch – aber sie ist häufig der Grund, warum jemand überhaupt den Weg sucht. Diesen Weg ernst zu nehmen ist keine Bestätigung auf Bestellung, sondern der Beginn eines echten Einordnungsprozesses.
Brauche ich eine offizielle psychiatrische Diagnose?
Das hängt vom Ziel ab. Für Kassenleistungen, Eingliederungshilfe oder einen Schwerbehindertenausweis ist sie notwendig. Für das Verstehen, wer du bist und wie du besser mit dir umgehen kannst, öffnet eine offizielle Diagnose nicht automatisch therapeutische Türen – bei hochfunktionalem Autismus gibt es keine spezifischen Medikamente. Als Heilpraktiker für Psychotherapie kann ich eine klinische Einschätzung geben, die Orientierung schafft, auch wenn sie keine kassenrechtliche Grundlage ersetzt.

